
…als auf einem Baseballplatz irgendwo in Deutschland?
Ungefähr einmal im Jahr, zusätzlich zu meinen regelmäßigen Baseball-Besuchen bei den Tübingen Hawks, die in der zweiten Bundesliga Süd spielen und dem Konsum vieler Major League Baseball-Spiele am heimischen Laptop, unternehme ich einen kleinen Ausflug in eine andere Baseball-Hochburg in Deutschland. Im vergangenen Jahr habe ich einen Besuch in Köln mit dem Playoff-Viertelfinale der Cologne Cardinals gegen den späteren Meister, die Regensburg Legionäre, verbunden. In diesem Jahr war ich bereits in Mannheim, um gemeinsam mit meinem charmanten Besuch aus Seattle die Mannheim Tornados gegen die Haar Disciples spielen zu sehen. Allerdings war das gleichzeitig stattfindende Slowpitch Softball-Turnier aufgrund des amateurhaften Charmes und der Anschlußfähigkeit an eigenes “Können” das Highlight dieses durch Pollenallergie geplagten Ausflugs. Vor zwei Jahren war ich ebenfalls bei den Mannheim Tornados, die damals im Viertelfinale gegen die Solingen Alligators eine Niederlage und einen Sieg schafften. Begeistert hat mich damals einerseits die freundliche, familiäre Atmosphäre am Roberto Clemente Field, das kenntnisreiche, interessierte Publikum und natürlich die spannenden Spiele. Ich saß damals auf einer Tribüne auf einer Holzbank, unter Schatten spendenden Eichenbäumen, neben mehreren kettenrauchenden älteren Herren, deren eigene Baseball-Karriere vielleicht schon einige Jahre zurücklag.
Mannheim ist in Deutschland die traditionsreichste Stadt, was Baseball angeht. Die Rhein-Main-Neckar-Region ist ohnehin die Region mit der größten Dichte an amerikanischer Armee nach dem zweiten Weltkrieg gewesen und insbesondere in Mannheim wurden von der Armee direkt nach dem Krieg auf den konfiszierten Sportplätzen der Stadt erste Baseballspiele und -turniere mit amerikanischen Armeeteams ausgetragen, die auch die Faszination der einheimischen Kinder und Jugendlichen weckten. Diese begannen bald selbst, Baseball zu spielen, und das mit einigem Erfolg: Mannheimer Teams waren bundes- und europaweit erfolgreich, Mannheimer Spieler nahmen an Welt- und Europameisterschaften teil und spielten auch in Mannheim teilweise vor mehreren tausend Zuschauern. Seit der Gründung der Mannheim Tornados im Jahr 1975 – damit sind die Tornados der älteste deutsche Baseballverein – gewannen die Baseballer insgesamt elfmal sowie die Softballmannschaft achtmal die deutsche Meisterschaft. Benannt haben sich die Tornados nach einem aus amerikanischen Soldaten bestehenden Team der Nachkriegszeit, das Tornadoes hieß, aus ausschließlich afro-amerikanischen Soldaten bzw. Spielern bestand und das das Lieblingsteam der damals noch im Kindesalter und später zu den Gründern zählenden Mannheimer Spieler war. Diese entschieden sich – so die Legende auf der Website der Tornados – ihre Mannschaft nach den amerikanischen Wirbelwinden zu benennen.
Am vierten Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag erfülle ich also meine pro-amerikanische Pflicht und fahre nach Mannheim zu den ersten beiden Spielen im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft zwischen den Mannheim Tornados und den Paderborn Untouchables, zwischen 1999 und 2oo5 insgesamt sechsmal deutscher Meister.
Leider nimmt mein Ausflug keinen guten Anfang. Damit meine ich einerseits, dass die deutsche Nationalhymne angesichts dieses Spiels von nationaler Tragweite gespielt wird – durchaus überflüssig, wenn mich jemand fragen würde. Dem Anlass angemessen wird immerhin die amerikanische Nationalhymne von einer in blau (Kleid), weiß (Flip Flops) und rot (Hut) gekleideten Frau a capella gesungen. Kaum läuft das Spiel 3o Minuten lang, fängt es schon an zu regnen und der Regenschauer wächst sich zu einem zwanzigminütigen Gewitterschauer aus, den ich nur als nachhaltigen Zorn über das Abspielen von “Einigkeit und Recht und Freiheit” interpretieren kann. Das Gewitter bedeutet aber auch, dass das Spielfeld fürs erste unbespielbar ist, ich erwäge angesichts weiterer dunkler Wolken am Horizont und der angekündigten Verzögerung von drei Stunden schon, meinen Ausflug nach Heidelberg zu verlegen, um deutscher Romantik den Vorzug vor amerikanischem Kulturimperialismus zu geben. Meine Loyalität dem Reich der Freiheit gegenüber ist aber doch stärker als mein Verlangen, Heidelberg zu sehen, und so spaziere ich durch die Gegend und verkürze die Wartezeit mit dem Lesen eines guten Buchs in der nun wieder strahlenden Sonne.

Das schöne an Baseball ist, dass ein Spiel im Prinzip in jedem Moment noch gedreht werden kann, egal wie weit eine Mannschaft zurückliegt, egal wie groß der Vorsprung einer Mannschaft ist. Diese Möglichkeit bedeutet nicht nur Spannung und Aufregung, eine Nervosität, die sich von Inning zu Inning verdichtet und den Puls schneller werden lässt, sondern auch, dass die Hoffnung, ein Spiel noch drehen zu können, eine lange Lebensdauer hat. Der letzte Schlag des Spiels kann theoretisch das Spiel entscheiden, der letzte Wurf kann für einen Pitcher, der drei Stunden lang großartiges geleistet hat, zur Katastrophe werden.
Nachdem die Spieler gemeinsam mit freiwilligen Helfern also den Platz innerhalb von zweieinhalb Stunden wieder bespielbar gemacht haben, geht das erste Spiel nach fast dreistündiger Unterbrechung weiter, auch die Zuschauer_innen, die das Feld zuvor fluchtartig verlassen hatten, trudeln nach und nach wieder ein. Mannheim spielt in Offensive und Defensive gut und kann einen frühen 0:2-Rückstand kontinuierlich durch harte Schläge auf Würfe des Paderborner Pitchers Eugen Heilmann drehen und die Führung bis ins neunte Inning, den letzten Spielabschnitt, auf 9:2 ausbauen.
Für diese spezielle Spielsituation – ein Team führt, nur noch drei Spieler des Gegners müssen ausgeschaltet werden, um das Spiel zu gewinnen – gibt es eine besondere Rolle in einem Baseball-Team: den Closer. Dieser ist normalerweise nicht nur ein sehr guter, sondern eben auch der nervenstärkste Pitcher des Teams. Nachdem René Franke, übrigens genauso wie der Mannheimer Coach Georg Bull ein ehemaliger Paderborner, acht Innings sehr gut gepitcht hat, soll Jan Rüssel das Spiel siegreich beenden. Er trifft allerdings die Strikezone nur schlecht, lässt dadurch einen base on balls (durch vier balls) und zwei harte Schläge für Paderborn zu, die den Vorsprung der Mannheimer auf nur noch 9:5 verkürzen. Jetzt sieht es wirklich so aus, als könnte für Paderborn noch etwas gehen, es wird immer ruhiger im mit vielleicht 2oo Zuschauer_innen gut gefüllten Stadion. Die Nervosität bei Jan Rüssel, dem Pitcher der Mannheimer, nimmt verständlicherweise zu. Nach einem weiteren Schlag, der einen zweiten Paderborner auf die base bringt, wird nun doch Martin Dewald, ein Mannheimer, der in den USA an einem College als Closer pitcht, gebracht. Nach einem weiteren base on balls ist tatsächlich die Situation eingetreten, dass Mitch Franke für Paderborn mit nur einem Schlag, einem grand slam homerun, den Ausgleich erzielen kann. Andererseits kann auch das Gegenteil eintreten, und dieses ist viel wahrscheinlicher. Dass er den Ball zwar trifft, aber dass die Defensive diesen entweder aus der Luft fängt oder den Runner am ersten Base ausmachen kann. Als Franke den Ball trifft, wird es schlagartig ganz ganz still. Der Ball steigt hoch, fliegt weit, und verlässt in einem hohen Bogen über den Zaun das Stadion. Das fast Unmögliche ist eingetreten, das Spiel ist ausgeglichen. Mehr Punkte als diese vier können mit einem Schlag nicht erzielt werden, mehr Dramatik in einer Zeitspanne von 1o Minuten geht nicht. Das Spiel ist nämlich noch nicht vorbei, denn Mannheim hat noch die Möglichkeit, das Spiel vor der Verlängerung siegreich zu entscheiden. Dies gelingt ihnen nach einem hohen, weiten Schlag von Craig Pycock, der vom Zaun abprallt. In dem Moment, in dem Pycock den Ball trifft, läuft Lukas Egetmeyer, der an der ersten base steht, um sein Leben und trifft Millisekunden vor dem Ball an der home plate ein und erzielt das 1o:9 für Mannheim. Mannheim hat nach einem an Dramatik kaum zu überbietenden Ende das Spiel doch noch gewonnen.

Das Softball- und Jugendfeld in Mannheim. Das Infield steht vollkommen unter Wasser, weshalb das Softball-Bundesligaspiel gegen die Darmstadt Rockets leider ausfallen musste. Die Damen bekamen natürlich keinerlei Hilfe durch Wasserwalze, Pumpe oder Schaufeln.
Die Paderborner Fans, die beim grand slam homerun von Mitch Franke noch wie die Besessenen am Zaun gerüttelt, geschrien und gehüpft sind, dem Herzinfarkt näher als dem nächsten Weizenbier, müssen nur 1o Minuten später mit ansehen, wie ihnen das Glück wieder zerrinnt… nach dieser Dramatik ist für die Paderborner Zuschauer_innen das nächste Weizenbier oberstes Gebot, vielleicht, um einen Herzinfarkt zu verhindern und die Herzfrequenz zu normalisieren.
Wer für die Dramatik lieber eine Fußballanalogie wünscht: Stell Dir vor, dein Team liegt in der 87. Minute mit 0:3 hinten und hat bisher offensiv nichts zustande gebracht, schießt dann wie aus heiterem Himmel bis zur 90. Minute drei Tore, gleicht somit aus, und kassiert dann in der 92. Minute doch das 3:4 und verliert das Spiel.
Es ist bereits 18h3o. Das zweite Spiel soll gegen 19h beginnen. Eine Weile überlege ich jetzt, ob ich noch bleiben oder gehen soll. Es gibt schließlich noch das zweite Spiel gleich im Anschluß, aber ich entscheide mich für den geordneten Rückzug nach Tübingen, wo ich dank des Internets erfahre, dass Martin Dewald, im ersten Spiel noch als zweiter Closer eingesetzt, das zweite Spiel für Mannheim gegen Paderborn mit 8:0 gewinnt. Kein Wunder vielleicht, dass Paderborn am Ende nicht mehr gegenhalten kann. Nach bestimmt fünf Stunden Fahrt, neun oder zehn Stunden auf dem Platz… und dann auch noch das erste Spiel in einem verrückten Finish knapp verloren… Sollte Mannheim ins Halbfinale vorrücken – im letzten Jahr verloren sie erst im Finale gegen die Regensburg Legionäre – werde ich auf jeden Fall wieder vorbeischauen.

Bye bye, Roberto Clemente Field.